Vor einer Berghütte in den Dolomiten stehen Hunderte Menschen Schlange. Nicht wegen eines Unwetters, nicht weil der Weg gesperrt wäre. Sie warten auf einen mit Sahne gefüllten Krapfen. Bis zu einer Stunde lang, auf 2.300 Metern Höhe.

Anderswo sind die Parkplätze voll, Autos stauen sich bis ins Tal, an berühmten Aussichtspunkten warten Urlauber:innen auf diesen kurzen Moment, in dem niemand sonst auf ihrem Foto zu sehen ist. Viele wollen in die Berge – möglichst bequem, möglichst schnell und möglichst nah an jenes Motiv, das sie schon von Instagram kennen.

Die Bilder aus den Dolomiten wirken absurd. Aber vielleicht zeigen sie besonders deutlich, was Reisen heute häufig bedeutet: Wir brechen auf, um am Ziel genau das zu finden, was wir vorher schon tausendmal gesehen haben.

Das gute Gewissen reist mit

"Reisen bildet", lautet eines der hartnäckigsten Versprechen des Bildungsbürgertums. Wer reist, sammelt demnach nicht bloß Erlebnisse, sondern erweitert seinen Horizont. Er begegnet anderen Kulturen, überwindet Vorurteile und kehrt als weltoffenerer und besserer Mensch zurück.

Das ist ein angenehmer Gedanke. Er verwandelt eine kostspielige Freizeitbeschäftigung in eine Art moralische Leistung. Wer häufig und weit reist, hat dann nicht einfach nur mehr CO₂ in die Atmosphäre geblasen, sondern verfügt vermeintlich auch über mehr Weltkenntnis.

Doch die bloße Überwindung geografischer Entfernung ist noch lange keine geistige Bewegung. Man kann um die halbe Welt fliegen und dabei vollständig bei sich selbst bleiben.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Zwei Wochen in Korea, Japan oder Vietnam reichen nicht aus, um "die asiatische Kultur" kennenzulernen – schon deshalb nicht, weil es eine solche einheitliche Kultur gar nicht gibt. Meist verstehen Reisende weder die Sprache noch die politischen und gesellschaftlichen Konflikte, die Hierarchien oder die historischen Erfahrungen des Landes. Sie bewegen sich auf vorgezeichneten Routen, schlafen in Unterkünften, die auf ihre Erwartungen zugeschnitten sind, und sprechen vor allem mit Menschen, deren Beruf es ist, ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

Das kann schön und erholsam sein. Aber es ist noch lange keine Erkenntnis.

Wir finden, was wir gesucht haben

Wer reist, kommt selten ohne Bilder im Kopf an. Paris soll romantisch sein, Berlin rau, Italien lebensfroh, Indien spirituell und Skandinavien entspannt. Unterwegs sammeln wir dann bevorzugt Eindrücke, die zu diesen Vorstellungen passen.

Der freundliche Taxifahrer wird zum Beleg für die Gastfreundschaft eines ganzen Volkes. Eine unfreundliche Rezeptionistin bestätigt vermeintlich eine nationale Mentalität. Ein Marktbesuch gilt als authentischer Einblick in das Leben der Menschen, obwohl man weder die Gespräche versteht noch weiß, wer dort für wen welche Rolle spielt.

Was nicht in das erwartete Bild passt, bleibt häufig unsichtbar. Oder es wird aussortiert, wie ein misslungenes Urlaubsfoto.

So kann Reisen Vorurteile nicht nur widerlegen, sondern auch befestigen. Besonders problematisch wird es, wenn aus wenigen Erlebnissen eine neue Autorität entsteht: "Ich war schließlich dort." Als ließe sich ein Land durch bloße Anwesenheit verstehen. Niemand käme auf die Idee, München nach einem verlängerten Wochenende erklären zu können. Bei fernen Ländern erscheint uns genau das erstaunlich oft plausibel.

Instagram hat den Tourismus nicht erfunden

Es wäre zu einfach, allein soziale Medien dafür verantwortlich zu machen. Menschen sind schon lange zu denselben Sehenswürdigkeiten gereist, haben dieselben Postkarten gekauft und dieselben Aussichtspunkte fotografiert. Reiseführer haben den touristischen Blick schon normiert, bevor es Smartphones gab.

Instagram, TikTok und Google Maps haben diese Entwicklung nur verstärkt und industrialisiert. Sie zeigen nicht nur, wohin wir reisen sollen, sondern auch, aus welchem Winkel wir einen Ort betrachten müssen. Ein Berg, ein Strand oder eine Gasse werden zur Kulisse für die Wiederholung eines bereits erfolgreichen Bilds.

Der Ort selbst tritt dabei in den Hintergrund. Entscheidend ist nicht mehr, was man dort erfährt, sondern ob sich belegen lässt, dass man dort gewesen ist. Die Berge werden nicht betrachtet, sondern abgearbeitet. Das Foto ist keine Erinnerung an ein Erlebnis mehr – es gemacht zu haben ist das Erlebnis.

Die Schlange vor dem Krapfen in den Dolomiten ist deshalb kein kurioser Auswuchs am Rand des Tourismus. Sie ist sein perfektes Symbol: Menschen nehmen einen weiten Weg auf sich, um etwas zu konsumieren, dessen Bedeutung vor allem daraus entsteht, dass es bereits viele andere konsumiert haben.

Begegnung ist nicht automatisch Verständnis

Natürlich können Begegnungen Vorurteile abbauen. Die sozialpsychologische Forschung zeigt aber auch, dass dafür die Qualität des Kontakts entscheidend ist: Menschen müssen einander möglichst auf Augenhöhe begegnen, miteinander sprechen, gemeinsame Erfahrungen machen und dürfen nicht ausschließlich in festgelegten Rollen aufeinandertreffen.

Der gewöhnliche Tourismus erfüllt diese Bedingungen meist überhaupt nicht. Die Begegnung ist kurz, zweckgebunden und asymmetrisch. Auf der einen Seite steht der zahlende Gast, auf der anderen die Kellnerin, der Fahrer, die Reinigungskraft oder die Souvenirverkäuferin. Die Einheimischen erscheinen als freundliche Dienstleister, folkloristische Staffage oder lästiges Hindernis. 

Eine wissenschaftliche Übersicht zur Beziehung zwischen Reisenden und Einheimischen warnt deshalb vor der Annahme, touristischer Kontakt führe automatisch zu gegenseitigem Verständnis. Er kann ebenso Irritationen, Konflikte und neue Ressentiments erzeugen. Die Wirkung hängt von Art und Qualität der Begegnung ab.

Auch empirische Untersuchungen liefern kein schlichtes Ergebnis. Eine Studie zu Reisen in die Südosttürkei stellte zwar positivere Einstellungen nach dem Aufenthalt fest. Reisedauer, Reiseform und Zahl der Besuche hatten jedoch keinen statistisch eindeutigen Einfluss. Reisen kann Einstellungen verändern – aber nicht zuverlässig und nicht allein durch Anwesenheit.

Urlaub darf einfach Urlaub sein

Das alles ist kein Plädoyer dafür, zu Hause zu bleiben. Reisen kann Freude machen, Erholung bringen und Menschen tatsächlich verändern. 

Manchmal entsteht eine Freundschaft. Manchmal erschüttert eine Erfahrung das eigene Weltbild. Manchmal lernen wir etwas, das in keinem Reiseführer stand. Aber nichts davon geschieht automatisch.

Vielleicht sollten wir aufhören, Reisen moralisch zu überhöhen. Urlaub darf einfach Urlaub sein. Niemand muss aus zwei Wochen am Meer eine Bildungsmission machen. Niemand wird allein dadurch weltoffen (was immer das auch heißen soll), dass er viele Länder betreten hat. Und ein voller Reisepass ist kein Beweis für kulturelle Kompetenz.

Bildend wird Reisen erst dort, wo wir unsere Deutungshoheit verlieren: wenn wir länger bleiben, zuhören, eine Sprache lernen, Beziehungen eingehen und zulassen, dass unsere vermeintlichen Gewissheiten nicht bestätigt, sondern widerlegt werden. Dazu braucht es nicht zwingend eine Fernreise. Manchmal gelingt eine solche Begegnung in der eigenen Nachbarschaft eher als am anderen Ende der Welt.