In der Bibel steht, da setzte die Arche auf dem Gebirge Ararat auf. 

Feststecken. Es geht einfach nicht weiter. Und du kannst nichts daran ändern. So geht Krise.

Und die gibt´s in hundert Varianten. Aussuchen kann man sie sich meistens nicht. Sie geschieht. Krisenzeiten erwischen einen manchmal wie aus dem Nichts. Sintflutartig. Alles wird weggerissen, weggespült. Manchmal kündigt sich eine Krise auch an. Oder du ahnst, da kommt was. Und trotzdem fühlst du dich dem ausgeliefert. 

Die ganz persönlichen Krisen sind so und die weltweiten Katastrophen. 

Da durchkommen, nicht untergehen, wieder ins Leben zurückfinden - von Noah und seiner Familie erzählt die Bibel genau das. 

Nachdem sie wochenlang in der Arche über die Fluten getrieben sind, stecken sie nun fest… Keine Aussicht auf ein Ende. Jeder Tag gleich. Sie sind gerettet, ja, in Sicherheit, sie sind nicht untergegangen. Einerseits. Andererseits: Noah und die ganze Familie haben keinen blassen Schimmer, wie es weitergehen wird und ob. Ich stelle mir vor, sie halten sich weiterhin an ihren Tagesablauf und erledigen alles wie vorher. So was dient als Gerüst für den Alltag. So kommst du einigermaßen durch. Hältst dich im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser. In der größten Sintflut, wenn dein altes Leben untergeht, wenn nichts mehr bleibt, dann hilft das manchmal: halbwegs normale Dinge tun. In der Arche Noah heißt das: Schiffsrumpf und Bretter kontrollieren, Elefanten füttern und Giraffen, Kaninchen streicheln, nach den Schildkröten schauen, Zebras striegeln, Löwen besänftigen. Solche Sachen.

In unserer Alltags-Arche geht es in Krisen-Zeiten darum, überhaupt morgens aufzustehen. Die Haare kämmen, dran denken, das Handy aufzuladen, Zähneputzen… Minimalprogramm. Das vermittelt das Gefühl: Alles okay so weit. Außen. Auch wenn ich innerlich untergehe.

Sintfluterfahrene Survivors

Zweimal im Jahr treffen sich hier in dieser Kirche Noah und seine Leute. Sintfluterfahrene Männer und Frauen. Sie gehören zu einem kleinen Verein. Der heißt "vivas" – mögest du leben. Mein Mann und ich sind auch dabei. Es geht bei uns allen ums Weiterleben nach schweren Verlusterfahrungen. Jeder und jede ist seelen-verwundet und trauert. Der kleine Sohn ist bei einem Autounfall gestorben. Die Tochter am Suizid. Die beste Freundin Opfer eines Gewaltverbrechens. Der geliebte Lebenspartner einfach tot umgefallen. 

Und wir sprechen ihre Namen aus, segnen einander. Vor fünf Wochen haben wir uns erst wieder hier getroffen. Jeder und jede hat den Namen des geliebten Menschen auf einen Stein geschrieben, ihn beim Segnen in der Hand gehalten - und wer mochte, hat den Namen-Stein dann dem Wasser übergeben, ihn in den Fluss gelegt oder geworfen. Einige hundert Namensteine hat die Würm, die hier vor der Kirche fließt, inzwischen aufgenommen. Und die Trauertragenden gehen trockenen Fußes wieder in ihr Leben. 

Sie alle miteinander sind "survivors", Überlebende nach der Katastrophe in ihrem Leben. 

Und ein Kirchenraum wird zur Arche. Schutzraum. Da trägt was. 

Die Trauer selbst hat etwas von einer Arche. Schutzraum auf Zeit. 

Auch bei einer schlimmen Diagnose, einer unheilbaren Krankheit, einem Wohnortwechsel, einer Trennung – da verliert man sein altes gewohntes Leben… Eine Welt geht unter. 

Trauern braucht Raum. Und Rückzug. Eine Arche. Um nicht unterzugehen. Um durch den Sturm zu kommen.

Niemand weiß, wie lange das dauert. Es gibt keine Chance, das zu verkürzen, einfach auszusteigen – aus der Arche nicht und auch nicht aus der Trauer.

Hoffnungsvögel aussenden

Aber immer wieder mal aufschauen, Ideen zulassen und Hoffnungsvögel aussenden. Wie Noah.

Erst schickt er einen Raben, dann eine Taube aus. Der Gedanke ist: Wenn sie trockenes Land finden, werden sie dort bleiben. Aber der Rabe und die erste Taube kommen zurück. Es ist noch nicht so weit. Immer wieder Rückschläge. Noah macht weiter, schickt die Taube zum zweiten Mal los. Auch dieses Mal kehrt sie zurück, aber … 

…und siehe, sie hatte ein frisches Ölblatt in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hatten auf Erden. Aber er harrte noch weitere sieben Tage und ließ die Taube ausfliegen; sie kam nicht wieder zu ihm. (…) Da tat Noah das Dach von der Arche und sah, dass der Erdboden trocken war. Und am siebenundzwanzigsten Tage des zweiten Monats war die Erde ganz trocken. Da redete Gott mit Noah und sprach: Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne mit dir. Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh und allem Gewürm, das auf Erden kriecht, das lass mit dir herausgehen, dass sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden. So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen. (…)

Und Gott sprach: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (aus 1. Mose 8) 

Die Arche verlassen

Gott sagt: Geht raus aus der Arche! Und sie gehen raus. Allesamt. Das klingt so einfach. Dahinter steckt aber viel mehr. Sie müssen sich jetzt wieder dem Leben stellen, der Wirklichkeit. Und die sieht anders aus als vor der Katastrophe. Es gibt ein Leben vor der Sintflut und eins danach. Wie bringen sie das zusammen? Noah ist doch nicht mehr der Noah von früher. Niemand bleibt das nach einer Katastrophe. Sie müssen sich neu erfinden…Sie haben das alles gemeinsam durchgestanden. Als Paar, als Großfamilie jeder und jede für sich. Im Schutzraum der Krisen-Arche haben sie gelernt klarzukommen. Das ist eine große Leistung, eine hohe Kunst. In der Krisen-Arche kennen sie sich aus. Die wilden Zeiten, schwer und schlaflos, vereinsamt, mit unkontrollierbaren Weinkrämpfen, völlig haltlos, vom Leben enttäuscht und auch von Gott. Sie kennen auch das kurze Aufatmen zwischendurch, Ablenken und Erholen, so was wie Ruhe. Oben auf dem Berg schaukelt die Arche nicht mehr. Sie sehen, wie die Wasser sinken. Als würde sich ihr Leben stabilisieren. Zugleich ist alles jederzeit absturzgefährdet. Auf der Kippe. 

Trauer-Krisen-Arche-Zeiten.

Für trauernde, für traumatisierte Menschen bleibt das so. Auch in stabilen Zeiten kann es schnell kippen. Die vom Krebs geheilte Frau bekommt neue Sterbensangst. Worauf ist noch Verlass? Was hält, was bleibt, wenn die ganze bisherige Welt untergegangen ist? 

Wie schaut die Welt aus, wenn man die Arche verlässt?

Ach Noah, dein Leben lang wirst du das in dir tragen.

Ein Leben lang tragen wir mit uns, was das Leben und was die Welt an Katastrophen veranstalten. Wir geben es sogar unbewusst weiter an die nach uns. Unsere Themen, Träume, Traumata nach der Sintflut. 

Alles vorbei, alles gut?

Nichts ist vorbei, nichts ist (einfach) gut.

Lasst uns besser mal das Werkzeug zum Archebauen griffbereit halten.

Lasst uns die Taube losschicken, wenn´s sein muss, mehrmals. Nicht sofort aufgeben. Dranbleiben.

Den kleinen Zweig nicht übersehen, den sie bringen wird. 

Das Hoffnungszeichen wahrnehmen und festhalten. Wie ein Versprechen: Da wächst was. Da wird was weiterwachsen.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Sagt Gott.

Vivas! Mögest du leben! Du, Noah und deine Frau und eure Söhne und Schwiegertöchter und alle zukünftigen Kinder und Kindeskinder, alle Tiere und die ganze Schöpfung. 

Es wird weitergehen. Es wird. 

Ins Leben treten

Gestern haben koptische Christinnen und Christen einen Gedenktag für Noah begangen: den Tag des Einstiegs in die Arche. Den Tag des Auszugs aus der Arche feiern sie noch mal extra. Ich finde es sehr klug, den Tag zu feiern, an dem Noah und alle die Arche verlassen. In der Adventszeit steht auch im Heiligenkalender der katholischen Kirche: "der Tag, an dem Noah die Arche verließ". 

Ich finde es wichtig, mich daran zu erinnern, mir das zu Herzen zu nehmen, in Hirn und Herz zu pflanzen. Weil das ein großer Schritt ist: Die Arche verlassen. Woher hat Noah die Kraft dazu gefunden, den Mut? Es kostet unendlich viel Kraft, sich neu aufs Leben einzulassen. Du bist doch geschwächt vom Traurigsein und vom Gegen-die-Wirklichkeit-Anhoffen. Es ist riskant, wieder rauszutreten, die Trauer-Krisen-Arche zu verlassen. Was, wenn wieder die Wasser steigen?

Das Leben ist erschüttert und bleibt erschüttert. Das ist so…

Aber: Hoffnungs-Vögel haben ihre Flügel behalten. Die tragen ins Weite.

Noahs Leute haben die Sintflut überstanden. Die Welt, in die sie treten, ist wie frischgewaschen. Ein neuer Glanz vielleicht. Etwas matschig auch. Man muss hier und da aufpassen, nicht auszurutschen. Leben nach der Sintflut.

Mit Noah wissen wir: Diese Welt ist versehrt, verletzt. Unser Leben ist es. 

Da ist nicht alles auf einmal regenbogenschön und gut.

Das geht mir oft zu schnell in dieser Geschichte von Noah, der Arche und dem Regenbogen zum Schluss. Zu gut gelaunt. Zu bilderbuchnett. 

Heute haben wir Noahs Geschichte einmal ohne den bunten Regenbogen erzählt. Dafür mit Gottes großem Versprechen:

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Diese rhythmisierten Worte beruhigen mich. Ich höre: Du bist Teil von allem. Alles ist in allem. Und dieser Kreislauf hält deine Krisen und die Katastrophen aus. 

So geht Weiterleben. Als Überlebende.

Immer weiter Hoffnungsvögel aussenden. 

Immer weiter die Hoffnungszeichen lesen. 

Und ins Leben treten. Nasse Füße kriegen.

Nicht immer munter und fröhlich. 

Aber: Ich schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

Evangelischer Radio-Gottesdienst am 2. August 2026

Aus der Friedenskirche in Gräfelfing bei München überträgt der Deutschlandfunk am Sonntag, 2.8.2026, ab 10.05 Uhr einen evangelischen Gottesdienst. Pfarrerin Julia Rittner-Kopp predigt, Pfarrer Bernd Reichert gestaltet die Liturgie. Die Lesung aus der Bibel übernimmt Regina zu Ortenburg. Gudrun Kröniger spielt Fagott, Michael Leyk das Piano, der auch die musikalische Leitung hat.