Im Spätsommer über einen Berggrat zu wandern kann herrlich sein - aber nicht für Menschen mit Höhenangst: Sie bekommen weiche Knie, zittern und schwitzen. Dabei beginnt ihr Leiden oft schon im Alltag. 

Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung leiden unter echter Höhenangst, auch Akrophobie genannt. Doch es gibt Abhilfe: Moderne Therapien, häufig virtuell, sind erfolgreich, wie Professor Andreas Mühlberger von der Universität Regensburg erläutert. Mühlberger leitet den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie und behandelt Menschen in der Hochschulambulanz.

Herr Mühlberger, nun beginnt die schönste Wandersaison in den Bergen. Dafür ist Höhenangst ziemlich unpraktisch, oder?

Andreas Mühlberger: Ja, wobei eine gewisse Höhenangst in den Bergen natürlich sinnvoll ist, damit man vorsichtig bleibt. Aber es gibt viele Situationen, etwa auch gesicherte Wege, in denen sie nicht angemessen ist. Manche Menschen können nicht an einem Geländer stehen oder über eine Brücke fahren. Wenn jemand stark unter Höhenangst leidet oder im Alltag eingeschränkt ist, liegt häufig eine Angststörung - eine Spezifische Phobie - vor, die behandelt werden sollte.

Was ist Höhenangst? Unser Kopf weiß doch, dass das Geländer hält.

Bei einer Höhenphobie kann die Angst nicht einfach durch den Verstand gesteuert werden. Auch wenn jemand weiß, dass die Situation ungefährlich ist, bleibt die Angst. Das ist bei allen Spezifischen Phobien so, auch bei Angst vor bestimmten Tieren, großen Plätzen oder bei Sozialer Phobie. Wenn jemand im dritten Stock am Balkongeländer steht, weiß er, dass er nicht fallen kann, und hat trotzdem Angst. Die Gehirnregion, die für die Emotionen verantwortlich ist, ist erstmal unabhängig von unserer Vernunftsteuerung. Angst ist evolutionär bedeutsam, weil sie dem Körper signalisiert, schnell zu handeln - was in gefährlichen Situationen sinnvoll ist. Wenn der Tiger vor einem steht, sollte man nicht erst lange nachdenken.

Wann Höhenangst den Alltag einschränkt

Wann wird Höhenangst wirklich schlimm?

Es gibt einen graduellen Übergang von einer angemessenen, hilfreichen Angst hin zu einer Angst, die einschränkt und Leid verursacht. Manche wollen ihre Höhenangst überwinden, um eine schwierige Klettertour zu bewältigen, da geht es vielleicht mehr um Lifestyle. Wenn die Angst wichtige Bereiche des Lebens einschränkt, kann eine Angststörung diagnostiziert werden und eine Psychotherapie helfen. Höhenangst gab es übrigens schon immer, die Verbreitung hat nicht zugenommen.

Was sind Symptome von echter Höhenangst?

Die meisten Menschen geben an, dass sie weiche Knie bekommen, sie zittern, schwitzen und haben Herzrasen. Hinzu kommt der Drang, die Situation zu verlassen. Die Angst tritt meist dort auf, wo man die Höhe sieht - etwa wenn man auf einer Brücke über einen Gitterrost geht. Sie kann aber auch im Flugzeug auftreten.

In Ihrer Hochschulambulanz behandeln Sie Menschen mit Höhenangst. Ist diese gut therapierbar?

Ja, schon lange. Dabei ist, innerhalb der Verhaltenstherapie, die Expositionstherapie das Mittel der Wahl: Nach der Diagnose geht man in die angstauslösenden Situationen rein, um sich mit der Angst auseinanderzusetzen. Wichtig ist dabei, sich auf sie einzulassen und kein Vermeidungsverhalten zu zeigen. Dann erlebt man auch etwas Entscheidendes: Selbst wenn ich nichts gegen die Angst tue, lässt sie wieder nach. Durch dieses Erleben kann die Angst langfristig bewältigt werden.

Warum Vermeidung die Höhenangst verstärkt

Versucht man im Alltag sonst, Höhensituationen zu vermeiden?

Ja, gewöhnlich greift man zu Vermeidungsstrategien, weil man die Kontrolle der Situation behalten will. Bewältigungsstrategien können auch das Durchführen von Ritualen sein, etwa Muster zu zählen. In der Therapie merkt man aber: Ich überlebe und kann die Situation ohne all das bewältigen.

Auch der Deutsche Alpenverein bietet Bergsteigerkurse gegen Höhenangst an. Kann Exposition nicht gefährlich sein, wenn Menschen plötzlich schwindlig wird?

Ins Hochgebirge sollte man ohnehin nur mit Sicherung gehen. Ich bin sicher, dass der Alpenverein nur in Situationen übt, in denen keine reale Gefahr besteht, und Personen mit starker Angst, also einer Höhenphobie, eine Psychotherapie empfiehlt.

Sie führen auch Therapien im virtuellen Raum durch - mit Virtual-Reality-(VR)-Brillen. Was sind die Vorteile?

In reale Situationen zu gehen ist oft aufwändig, man muss etwa zu einer Brücke oder in die Berge fahren. Für eine virtuelle Therapie brauche ich nur die VR-Geräte im Therapieraum. Außerdem kann ich die Situation mehr variieren, etwa verschiedene Höhensituationen simulieren. Wir haben vor 25 Jahren damit angefangen, Flugangst virtuell zu behandeln. Im Rahmen von Selbsthilfe kann man auch VR-Szenarien oder 360-Grad-Fotos oder -Videos im Internet zum Üben finden. Wichtig ist, dass man sich professionelle Hilfe sucht, wenn man die Angst nicht in den Griff bekommt.

Warum sich 80 Prozent für eine VR-Therapie entscheiden

Im Labor setzen die Patienten meist eine VR-Brille auf, die ihnen die angstauslösende Situation simuliert. Wie realistisch muss die Simulation sein?

Aus früheren Untersuchungen wissen wir, dass auch bei weitem nicht fotorealistische VR Angst auslösen und auch eine Höhenphobie effektiv reduzieren kann. Gerade die Bereiche im Gehirn, die Angstreize verarbeiten, schauen nicht so genau hin. Sie sind darauf ausgelegt, schnell eine mögliche Gefahr zu erkennen und den Körper auf eine Reaktion vorzubereiten.

Wird die VR-Therapie häufiger gewählt als die reale Exposition, da sie niedrigschwelliger ist?

Ja. Das Verhältnis der Patienten liegt bei etwa 80 Prozent, die sich lieber virtuell behandeln lassen wollen, zu 20 Prozent In-vivo-Therapie (Training in realen Alltagssituationen, Anmerkung der Redaktion). Beim Therapieergebnis gibt es zwischen den Optionen quasi keine Unterschiede.

Wie erfolgreich ist die Therapie?

Die Erfolgsquote liegt bei etwa 80 Prozent. Bei Spezifischen Ängsten wie Höhenangst funktioniert die Therapie am besten. Dabei können schon ein bis zwei Sitzungen genügen. Erfolg bedeutet: Die Angst ist danach nicht unbedingt weg, aber die Leute können damit umgehen. Voraussetzung ist, dass man motiviert ist, sie in den Griff zu bekommen, und aktiv mitmacht. Wenn man danach wieder viel vermeidet, kann sie wiederkommen.

Wie die Therapie das Gehirn neu lernen lässt

Was sind offene Forschungsfragen?

Eine Frage ist, wieviel Belastung man aus der Exposition herausnehmen kann. Eine weitere Frage ist, wie man den langfristigen Erfolg sichern kann. Durch aktuelle Therapien wird die Höhenangst nicht aus dem Gedächtnis gelöscht, sondern nur eine neue Lernerfahrung erworben, nämlich dass in bestimmten Situationen die Angst nicht gebraucht wird. Die grundsätzliche Bereitschaft, in der Höhe mit erhöhter Angst zu reagieren, bleibt bestehen. Es kann sein, dass jemand nach der Therapie auf Balkonen gut zurechtkommt, aber in den Bergen weiterhin nicht. Forschungsprojekte versuchen, die Therapie so zu optimieren, dass die Lernerfahrung auf möglichst viele Situationen bezogen wird.

Weiß man etwas über die Ursachen von Höhenangst?

Man weiß, dass Menschen eine Bereitschaft haben, in Höhensituationen mit Angst zu reagieren, und es wird angenommen, dass es evolutionär eine wichtige Angst war, um zu überleben. Höhenangst kann durch Erfahrungen, aber auch durch Modelllernen - etwa über die Angst der Eltern - verstärkt werden. Bei einer Therapie muss vorab erarbeitet werden, ob hinter der Angst vielleicht noch eine andere Problematik steht, die durch die Phobie vermieden werden kann. So könnte die Höhenangst etwa die Fürsorge des Partners bewirken und so die Funktion haben, seine Zuneigung zu sichern.

Welche Therapiegeschichte hat Sie besonders beeindruckt?

Wir haben in der VR den Tetraeder (eine dreiseitige Pyramide aus Stahl und einer der höchsten Aussichtspunkte in Nordrhein-Westfalen, Anmerkung der Redaktion) nachgebaut, der bei Bottrop steht. Eine Frau konnte diesen wegen Ihrer Höhenangst nicht besteigen. Bei uns in der Ambulanz hat sie in einer einzigen Sitzung mit dem virtuellen Tetraeder geübt - und konnte am Tag darauf den echten ohne Angst besteigen.

Sie berichtet, es sei wie ein umgelegter Schalter gewesen. Auch weitere Höhensituationen, etwa in den Bergen, konnte sie gut bewältigen. Diese direkte Übertragung finde ich interessant. Auch zu sehen, welch positive Emotionen Patienten erleben, wenn sie eine Angstsituation wieder bewältigen können, ist beeindruckend.