Kempten, Sonthofen (epd). Die Autorin Simone Scharbert erhält den mit 10.000 Euro dotierten W.-G.-Sebald-Literaturpreis 2026. Mit ihrem Text "Einer liegt, eine sitzt. Kammerprosa" habe sie die Jury überzeugt, teilte die Deutsche Sebald-Gesellschaft in Kempten mit. Die Preisverleihung findet am 6. Juni 2027 in Sonthofen statt.
Geschichte erzählbar zu machen sei W.G. Sebalds literarisches Anliegen gewesen, so die Sebald-Gesellschaft. Die in Aichach geborene Scharbert, die im nordrhein-westfälischen Erftstadt lebt, hatte einen Teil eines im Entstehen begriffenen größeren Prosatextes eingereicht. Darin erzählt sie im Wechsel vom sterbenden Vater im Jetzt und von Margarethe, die 1942 in einem Konzentrationslager einsitzt.
"Virtuose Verschränkung der beiden Grenzerfahrungen"
In ihrer "Kammerprosa" gelinge es ihr, den Holocaust nicht nur ein weiteres Mal zu erzählen, sondern dieses Erzählen zu erneuern, so die Jury: durch die virtuose Verschränkung der beiden so unterschiedlich bedingten Grenzerfahrungen wie auch durch ihre schöpferische und zugleich mikroskopisch präzise Sprache.
Bei der vierten Ausschreibung des Preises gingen heuer 592 Texte ein, die der Jury anonymisiert vorgelegt wurden. Wie immer fällte die Jury ihre Entscheidung, ohne die Identität der Verfasserin zu kennen. In der Schlussauswahl befanden sich drei weitere Texte: "La Terra" von Dania D'Eramo, "Das waren Flüsse" von Michael Duszat und "Rügen 98" von Laura Naumann.
Prämiert werden jährlich Texte zum Thema "Erinnerung und Gedächtnis", die sich mit Fragen und Motiven auseinandersetzen, die für W.G. Sebalds (1944-2001) Schaffen wesentlich waren. Der Preis wird vergeben von der Deutschen Sebald-Gesellschaft gemeinsam mit den Städten Kempten und Sonthofen. Der Schriftsteller W.G. Sebald wuchs im Allgäu auf und wanderte 1970 nach England aus, wo er auch als Literaturprofessor tätig war. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet.